13 Monate weit, weit weg...
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Hola zusammen!

Gut zwei Monate sind es jetzt seit meinem Abflug in Richtung Unbekannt - höchste Zeit für einen ersten Rundbrief!

Um einen kurzen Überblick zu geben: In den ersten vier Wochen war ich mit der Begegnungsreise unterwegs, die regelmäßig im Rahmen der Partnerschaft zwischen Bolivien und Deutschland stattfindet. Den zweiten Monat habe ich dann in La Paz - dem Regierungssitz von Bolivien - verbracht, um dort Spanischunterricht zu nehmen. Vor allen Dingen während der Begegnungsreise, die uns von Cochabamba über Sucre, über das "Campo" (Land) bis nach Santa Cruz geführt hat, habe ich viel von der Vielfalt des Landes und dessen Gegensätze kennengelernt. In der zweiten Hälfte durfte ich in meiner Gastfamilie den bolivianischen Alltag miterleben.

So unterschiedlich die Städte hier auch sind - sei es durch die verschiedenen Klimazonen, oder den unterschiedlichen Reichtum der Departementos, zu denen sie gehören - so haben sie doch Eines gemeinsam: Überall herrscht reges Leben. Und um das alles wahrzunehmen, was an Eindrücken auf einen einstürzt, sind wirklich alle Sinne gefordert! Die Häuser sind meistens unverputzte Flachbauten mit einer Terrasse als oberstem Stockwerk, das dazu dient, die Wäsche zu trocknen, die zuvor von Hand gewaschen wurde. An jeder Ecke gibt es eine Tienda (kleiner Laden), in der in geringen Mengen vom Brot bis hin zur Zahnbürste vieles zu haben ist. Werbung auf großen Plakaten gibt es selten, dafür werden Hauswände und Mauern bunt bemalt, um "Pollo" (Hühnchen), Maggi oder Waschmittel anzupreisen. Die Wände sind auch ein beliebtes Mittel, um die politische Meinung kundzutun. Im Abstand von wenigen Metern bieten "Cholitas" (Frauen mit langen schwarzen geflochtenen Zöpfen und mehreren Faltenröcken übereinander, die ihre Kultur durch ihre Art sich zu kleiden zum Ausdruck bringen) Süßigkeiten, Gebaeck, Getränke, aber auch CD-Rohlinge, Schreibzeug und Kosmetikartikel zum Verkauf an.

Dadurch, dass kein unterirdisches System existiert, steht stockender Verkehr in den Strassen auf der Tagesordnung. Gerade in La Paz ist es mir unbegreiflich, wie dieses Chaos funktioniert: Polizisten versuchen an jeder Kreuzung mit Trillerpfeifen oder durch Bedienen der Ampeln Ordnung zu schaffen. Auf den Strassen ist alles zugelassen was Räder hat, seien es Mopeds, antike Käfer, umfunktionierte Autos aus Ländern, in denen man sich links hält, Taxis mit oder ohne Funk, "Minibusse", die unseren VW-Bussen ähneln oder große "Mikros", Busse die vor einigen Jahren ihren Dienst woanders geleistet haben. Haltestellen und Buspläne gibt es nicht. Um von einem Ort zum nächsten zu kommen, stellt man sich an den Straßenrand und hebt den Arm, um deutlich zu machen, dass man einsteigen möchte. Das Aussteigen ist Überall möglich: Man ruft "¡Yo bajo!" oder "¡Me quedo!" und der Bus hält.

Auf der Strasse steigen einem die unterschiedlichsten Gerüche in die Nase: der Geruch von leckerem Gebaeck und typisch bolivianischem Essen, aber leider auch Abgase und der Gestank von Müll und dem "Baño publico" ("öffentliche Toilette"). Die Armut des Entwicklungslandes ist zu spüren, gerade in den äußersten Stadtgebieten - auch wenn die Hochhäuser im Zentrum von La Paz schon sehr an unseren Lebensstandard erinnern. Beeindruckt und zugleich geschockt war ich nach einem Ausflug in die "Zona Sur", das südliche Stadtviertel von La Paz: Dort stehen Häuser, die man auch bei uns als Schlösser bezeichnen könnte umgeben von hohen Mauern, die auf mich kalt und anonym gewirkt haben. Als wollten sie den Blick auf die Armut, die Überall präsent ist, versperren.

Ich werde mich wohl nie daran gewöhnen, auf der Strasse angebettelt zu werden. Gerade als "Gringo" (Weißer), der Geld hat, wird man mehr oder weniger hartnäckig dazu angehalten, Geld zu geben. Ich habe mir vorgenommen, das nicht zu tun, weil ich mit anderen Absichten hier bin. Ehrlich gesagt fällt es mir aber sehr schwer, an einer jungen Frau vorbeizugehen, die ihr Kind auf der Strasse stillt und mir ihre leere Hand entgegenstreckt. Gerade während meinen Reisen durch das Land habe ich mich gefragt, von was sich die Menschen ernähren, wie sie ihre Existenzgrundlage sichern. Da fährt man durch weitläufige Landschaften und kahle Gebirgszüge und plötzlich liegt da weitab des nächsten Ortes eine vereinzelte Lehmhütte, ohne dass eine Wasserleitung oder ein größeres Stück bestelltes Land sichtbar ist.

So miserabel die Lebensbedingungen in manchem hintersten Fleckchen Land sind, so sehr habe ich aber auch die Zeit auf dem Campo genossen: während der Begegnungsreise durch Monteagudo war ich das erste Mal in Bolivien im Fluß baden. Die tiefe Verbundenheit der Menschen zur Natur und Kultur habe ich auf dem Land am stärksten gespürt. Die Bolivianer glauben daran, dass sie zumindest einen Teil von dem, was sie der Erde nehmen, zurückgeben müssen: So geht auf einer Fiesta in einer Runde der erste Schluck an "Pachamama" (Mutter Erde). Je nachdem, wieviel man verträgt, landet mehr oder weniger auf dem Boden.

Beeindruckt bin ich von der Gastfreundschaft, Herzlichkeit und Lebensfreude der Menschen hier. Wo immer ich hinkam, wurde ich mit offenen Armen empfangen und das Wenige, was da war, wurde mit mir geteilt. Gerade am Anfang, als mir die Sprache noch ein großes Hindernis war, sind mir die Menschen mit viel Geduld begegnet, haben mir vieles versucht, mit Händen und Fressen zu erklären. Sie haben mir geholfen, mich zurecht zu finden und mir das Einleben in den Alltag hier, mit all seinen schönen Seiten und Ecken und Kanten, an die ich wegen der anderen Lebensweise und Mentalität gestoßen bin, wirklich leicht gemacht!

Was mir wahnsinnig gut gefällt, ist die Liebe der Bolivianer zur Musik und ihre traditionellen Tänzen. Jede Region hat genauso wie das Essen ihre typischen Tänze: So tanzt man beispielsweise auf dem Hochland wieder ganz andere Tänze als im Tiefland. Und nicht nur in den Tänzen und der Musik kommt die Vielfalt, kommen die Gegensätze zum Ausdruck: Die Art zu leben ist eine andere. Ich hatte in La Paz und El Alto, dass La Paz (im "Kessel") noch mal um einige Höhenmeter überragt, das Gefühl, dass sich das härtere Leben, dass das Altiplano (Hochland) bietet, auch in der Mentalität der Menschen ausdrückt. Die Menschen dort haben auf mich verschlossener und ernster gewirkt, als ich es jetzt hier in meinem Projekt in Tarija erlebe. Nicht, dass ich mich in La Paz deswegen nicht wohlgefühlt hätte, sondern liebenswert auf ihre Art und Weise. In meiner Gastfamilie gab es eine Haushälterin, mit der ich mich oft in der Küche unterhalten habe - mit ihr hatte ich eine Menge Spass! Und Fiestas weiß hier jeder zu feiern, ob im Hoch- oder Tiefland - mit viel Musik und ums Tanzen kommt man nicht herum.

Seit einigen Tagen bin ich jetzt hier in Tarija, mein Koffer ist ausgepackt, meine kleine Wohnung mit Blick auf die Berge eingerichtet, die ersten Tage im "Comedor" (Speisesaal für Kinder aus armen Familien) vorbei. Im nächsten Rundbrief werde ich dann meinen Alltag hier, mein Projekt, das Leben der Menschen in Tarija schildern.

Ein großes DANKESCHOEN geht an euch dafür, dass ihr mir diese einzigartige Erfahrung ermöglicht, mich dabei unterstützt und Interesse daran zeigt. Ich bin sehr froh darum und weiß das zu schätzen!

Lieben Gruß nach Deutschland und auf welchem Flecken Erde ihr euch sonst herumtreibt.

Verena


PS: Es kamen ein paar E-Mails bei mir an, dass sich die Fotos bei Kodakgallery nicht öffnen lassen. Wenn das der Fall ist, dann meldet euch doch bitte einfach noch mal bei mir, ich schick dann noch mal eine Einladung...



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