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Zweiter Rundbrief (Ende Dez. 06)





Hallo zusammen,



die Palmen auf den Plazas im Zentrum von Tarija sind mit bunten Lichterketten geschmückt, Plastiktannen mit Kunstschnee werden zum Verkauf angeboten und der Geruch von bolivianischem Gebäck steigt einem in die Nase. Gerade einmal ein paar Tage sind es bis Weihnachten, gegen Ende des Jahres bin ich dann schon drei Monate in meinem Projekt in Tarija. Für mich verging die Zeit wie im Flug… Das wird vor allen Dingen daran liegen, dass ich mich hier sehr wohl fühle und dass – obwohl ich schon bald fünf Monate in Bolivien bin – fast jeder Tag noch eine Überraschung bereit hält, Dinge die einen glücklich und dankbar, aber auch nachdenklich, wütend und traurig stimmen.



Wie sieht mein Alltag hier in Tarija aus, welchen Platz habe ich im Projekt gefunden?



Bekanntschaften zu machen und Freundschaften zu schließen fiel mir leichter, als einen Platz und erfüllende Arbeit im Projekt zu finden. Das brauchte seine Zeit. Ich denke aber, dass es wichtig ist, erstmal seine Umgebung, die Menschen um einen herum besser kennen zu lernen, als sich hoch motiviert in die Arbeit zu stürzen und irgendwelche Ideen umzusetzen, die einen zwar durch den Kopf gegangen sind, die aber vielleicht gar nicht in das neue Umfeld passen. Gerade am Anfang gab es Tage, an denen ich mich gefragt habe, ob meine Unterstützung hier überhaupt so dringend gebraucht wird, niemand hat mir gesagt, wo eine helfende Hand gefragt ist. Aber durch die Bekanntschaften, die ich gemacht habe, haben sich mit der Zeit neben meiner Arbeit im Comedor mehrere Möglichkeiten ergeben. Es gibt immer jemanden, der sich über Hilfe freut. Mittlerweile bin ich froh über die Freiheiten, die ich habe, das macht die Arbeit vielfältiger und ich kann mir selbst meine Schwerpunkte suchen.



Ein Einstieg war für mich die Arbeit im Comedor. Der Comedor ist der Speisesaal der Pfarrei für über hundert Kinder aus sozial schwachen Familien. Die Einrichtung gibt es nun schon seit drei Jahren, finanziert wird das Projekt von Schwestern aus Italien, einen Teil der Finanzierung trägt die Pfarrei selbst. Morgens gegen acht Uhr helfe ich dabei Kartoffeln zu schälen, Suppe und Hauptspeise vorzubereiten und was sonst so ansteht, dann wird das Essen ausgeteilt und nach dem Essen gespült und geputzt, sodass ich immer bis etwa halb drei im Comedor bin. Da gegen Mittag erst die ersten Kinder kommen, blieb vor allen Dingen am Anfang genug Zeit, mich mit den Köchinnen zu unterhalten, sich so besser kennen zu lernen und die ein oder andere interessante, witzige Anekdote erzählt zu bekommen. Anfang der Woche erhält jedes Kind Bons. Eine Mahlzeit kostet einen Boliviano – umgerechnet sind das in etwa zehn Cent. Dabei geht’s wohl eher um den symbolischen Wert… Einige Kinder kommen von der Schule aus direkt in den Comedor, andere haben erst am Nachmittag oder am Abend Unterricht, haben also schon ihre Schuluniform im Rucksack, um nach dem Essen ins Colegio zu gehen. Wer schon früher da ist hilft mit, sich einfach nur dazusetzen und den Köchinnen bei er Arbeit zuschauen gibt es nicht. Es ist selbstverständlich, Erbsen für die nächsten Tage zu pellen, wenn es ansteht. Gegen ein Uhr gibt es Mittagessen, das meistens aus einer Suppe und einer Hauptspeise besteht – an den “besonderen” Tagen gibt es Hauptspeise und Nachtisch, meistens freitags. Jedes Kind kann selbst entscheiden, ob es “pocito” (klein), “mediano” (mittel) oder “arto” (viel) serviert bekommt, es müssen aber alle Teller geleert werden. Einige Kinder nehmen Essen für ihre Familien mit – ein 8-Personenhaushalt ist hier nichts Außergewöhnliches. Ich habe Padre Juan, den Pfarrer und meinen Verantwortlichen hier vor Ort, gefragt, wie man sich sicher sein kann, dass die Hilfe die seitens des Comedors kommt, auch wirklich den Familien zu Gute kommt, die diese Hilfe brauchen. Er meinte, dass er vor einiger Zeit mit ehemaligen Freiwilligen die jeweiligen Familien besucht hat, um sich ein Bild von deren sozialen Lage zu machen. Hier wird sehr auf Hygiene geachtet. Für manche Kinder ist das keine Selbstverständlichkeit, weil dem in ihrem Elternhaus nur wenig Bedeutung beigemessen wird. Vor dem Essen werden die Hände gewaschen, der Zahnarzt der Pfarrei stellt manchmal die “kleinen Freunde Karies und Baktus” vor, alle paar Wochen werden die Zähne mit einer grell-pinken Tablette auf Löcher untersucht – an solchen Tagen bin ich immer von vielen kleinen Monstern umgeben J - nach dem Essen werden die Zähne geputzt und jeder wäscht sein Geschirr selbst ab. Es ist schön zu sehen, wie die Kinder jeden Tag mehr Vertrauen zu mir aufbauen, sich auf meinen Schoss setzen, zeigen was sie in der Schule Neues gelernt haben, von ihrer Familie erzählen, mich nach meiner Familie, meinen Freunden fragen und neugierig sind, wie das Leben in “meinem Land, das so weit weg ist” aussieht. Im Moment sind Ferien – drei Monate! Der Comedor wird aber zum Glück nur bis Mitte Januar geschlossen sein. Während der freien Zeit helfen viele Kinder ihren Eltern beim Verkauf auf dem Markt. Wenn ich auf dem “Mercado Campesino” einkaufe, begegnen mir oft Kinder, die ich aus dem Comedor kenne. Für Heilig Abend werde ich mit dem anderen deutschen Freiwilligen und den Köchinnen Plätzchen, Schokolade und Gebäck vorbereiten, die die Kinder dann als kleine Freude zu Weihnachten ausgeteilt bekommen.

Neben dem Comedor helfe ich in der Pfarrei mit und nehme an den Aktivitäten teil, die dort angeboten werden. In der Parroquia gibt es über zwanzig Jugendgruppen, die sich regelmassig treffen, die Nachmittage zusammen verbringen und sich über Themen wie Freundschaft, Solidarität und Glaube austauschen. Die Menschen hier sind sehr gläubig, egal welchen Alters. Ich denke, dass sie viel Kraft daraus schöpfen. Neben den Jugendgruppen gibt es einen Chor und mehrere Tanzgruppen. Für mich eine Chance, ein Gefühl für bolivianische Musik zu bekommen und lateinamerikanische, bolivianische Tänze wie Cueca, Chacarera (typisch für Tarija!), Tinku, Saya oder Samba zu lernen. Einen Crashkurs gibt es dann, sobald ich wieder in Deutschland bin . Jeden Samstag treffen sich die Scouts, die Pfadfinder. Insgesamt gibt es drei Gruppen, abhängig vom Alter der Jungs und Mädels. Alle paar Wochen finden Zeltlager auf dem Land statt. Der Leitspruch der Wölflinge lautet “Siempre lo Mejor!” – “Immer das Beste!”: Ein Versprechen, jeden Ort, den sie besuchen, ein Stück weit besser zurück zu lassen, als sie ihn vorgefunden haben. Das letzte Campamento fand in der Nähe einer Sternwarte statt. So haben die Kids mit Staunen mehr über unser Sonnensystem erfahren und konnten sich den Mond von Nahem ansehen. Thema in den paar Tagen auf dem Campo war der Umweltschutz: Auf spielerische Art haben wir versucht, den Kindern deutlich zu machen, wie wichtig es ist unsere Erde sauber zu halten, das Tier- und Pflanzenreich zu schützen. Bei den Müllbergen, die sich hier in den schönsten Landschaftsstrichen auftürmen, hoffe ich wirklich, dass etwas davon angekommen ist…



Was sind sonst meine Aufgaben?



In Tarija gibt es einen deutschen Pfarrer. Mit ihm bereite ich für Ende dieses, Anfang nächsten Jahres eine Sternsingeraktion vor. Der Erlös wird wahrscheinlich einer sozialen Einrichtung in Tarija zu Gute kommen, es bestände auch die Möglichkeit, Medikamente für Kinder anzuschaffen oder aber arme Familien zu einem Abschlussfest einzuladen und ihnen dort kleine Weihnachtsgeschenke zu überreichen, wie z.B. Schuhe, Dinge, an denen es ihnen mangelt. Geld soll nicht gespendet werden, sondern dazu verwendet werden, nötige Dinge anzuschaffen. So ist es sicher, dass der Erlös nicht in irgendwelchen höheren Instanzen verloren geht.

In der Pastoral ist für Anfang des nächsten Jahres ein Treffen aller Jugendgruppen aus Tarija vorgesehen, mit dem wir mitten in den Vorbereitungen stecken, Ende Januar findet dann ein Jugendtreffen auf nationaler Ebene statt.

Demnächst werde ich mit der Landpastoral aufs Campo fahren, um dort Familien zu besuchen – das Leben auf dem Land weicht sehr von dem in der Stadt ab. Dort gibt es oft keinen Strom, kein fließend Wasser, die Menschen müssen kilometerweite Strecken zu Fuß zurücklegen. Die letzte Aktion der Pastoral war die “Gran Campaña Navidena 2006” – “Grosse Weihnachtsaktion 2006” – an der Kleidung und Essen gesammelt und an einem Tag auf dem Land an arme Familien verteilt wurde.

Nebenbei gebe ich etwas Deutschunterricht, ich werde immer öfter darum gebeten, die wichtigsten Sätze beizubringen und einen kleinen Einblick in die deutsche Grammatik zu geben. Mehr ist auch denke ich nicht möglich, unsere Sprache ist wirklich kompliziert… “Deutschunterricht” kann man aber auch noch ausweiten: So habe ich zusammen mit dem anderen Freiwilligen für die Köchinnen des Comedors deutsch gekocht und die Mädels im Comedor möchten unbedingt ein deutsches Lied lernen – die Melodie sitzt, aber an der Aussprache müssen wir noch arbeiten… (vielleicht kennt jemand den “Laubfrosch”?!) J.

Ansonsten genieße ich es, wenn ich das Land bereisen kann. So war ich Anfang des Monats für zwei Wochen im Departemento Santa Cruz im subtropischen Tiefland auf einem Freiwilligentreff, im kalten Altiplanoklima von La Paz und in der Hauptstadt Sucre. Mehr dazu gibt’s auf meinem Blog (www.myblog.de/fsjbolivien).



Dinge, die bewegen…



Der Alltag hier hat natürlich auch seine Schattenseiten. Das fängt dabei an, dass ich mit der bolivianischen Indirektheit nicht klarkomme. Kleine Probleme werden nicht offen angesprochen, von allen Seiten bekommt man hinterrücks etwas Anderes erzählt und im Endeffekt steht man vor einem großen Problem, weil man sich darüber nicht ausgesprochen hat. Hier habe ich wirklich die deutsche Direktheit zu schätzen gelernt!

Ein anderer Punkt ist der Machismos: Ein Vorurteil, mit dem ich hier herkam, das sich aber bewahrheitet hat. Das Hinterhergepfeife auf den Strassen ist eine Sache, schlimm ist es, wenn Männer mehrere Frauen haben, eine Frau ohne Mann wenig zählt, eine Frau als nicht gleichwertig angesehen wird… Natürlich ist das nicht die Regel, aber es gibt es und ich kann einen traurigen Fall dazu erzählen: Vor etwa zwei Monaten kam eine Frau mit Oberschenkelfraktur in die Pfarrei, kaum fähig zu laufen. Seit Tagen lebte sie auf der Strasse, sie wurde von ihrem Mann geschlagen und brauchte nun jemanden, der die Autorisation für ihre OP unterschreibt. Ihre Kinder weigerten sich, ihre Unterschrift darunter zu setzen, wahrscheinlich unter dem Druck des Vaters. Am nächsten Tag sollte die Frau wiederkommen, um alles Nötige zu regeln, seit diesem Tag habe ich sie aber nie wieder gesehen… Solche Schicksale machen einen traurig und wütend zugleich, man fühlt sich ohnmächtig.

Auf dem Land ist die medizinische Versorgung oft schlecht, eine OP ist teuer: Für fast eine Woche waren Eltern mit ihrem Sohn im Comedor der Pfarrei untergebracht. Der Sohn hatte sich das Bein gebrochen und so war die Familie zwei Tage lang zu Fuß unterwegs, um vom Campo in die Stadt zu kommen. Eine OP wäre unbezahlbar gewesen und so kam Unterstützung seitens der Pfarrei.

Ein anderes Thema ist der Umgang mit Sexualität. Gerade auf dem Land sind Frauen schon früh schwanger, weil Verhütung oft nicht ernst genommen wird

bzw. gar nicht erst ein Thema ist, weil einfach keine Aufklärung stattfindet. Vor einigen Wochen wurde in einem Mülleimer auf dem “Mercado Campesino” ein Baby im Mülleimer gefunden – erschreckend! Und das sei nicht zum ersten Mal vorgekommen, wurde mir gesagt…

Mir sind hier schon einige Schicksalsschläge begegnet und das lässt mich natürlich nicht einfach so unberührt. Wir können uns wirklich glücklich schätzen, dass wir ein Sozialsystem haben, dass es so viele soziale Einrichtungen gibt, an die wir uns wenden können. Ich habe hier den Eindruck, dass die Menschen sich an die Pfarreien wenden, wenn sie Hilfe brauchen. Natürlich kann der Padre da nicht jegliche Verantwortung übernehmen…



Was ist los im Land?



Politisch ist es ziemlich am Brodeln, die Anspannung ist zu spüren und kam schon in mehreren Demonstrationen, Blockaden und Streiks zum Ausdruck. Grund für die Unruhen im Land ist, dass die MAS-Regierung unter Evo Morales eine absolute Mehrheit in der “Asamblea Constituyente” (Verfassungsgebende Versammlung) durchsetzen möchte. Da MAS aber mit über 50% in der Asamblea sitzt, würden Entscheidungen in ihre Hände fallen, die Verfassung wäre eine reine MAS-Verfassung.

Die Menschen gehen auf die Strassen und fordern eine 2/3 Mehrheit (“Que se cumpla la Ley!” – “Damit sich das Gesetz erfüllt”). Diese Forderungen gehen einher mit der Forderung nach departementaler Autonomie, wie ich es in Santa Cruz, der Metropole des Landes, gesehen habe und es jetzt hier in Tarija sehe: Nicht um das Land zu spalten, sondern um die Rechte der Departementos zu stärken, die Teil eines Landes sind – so berichten es die Medien. Der Wunsch nach Dezentralisierung ist groß, die Tendenzen zur Abspaltung sind da. Am 15. Dezember fand hier in Tarija ein “Cabildo” statt, die Stadt war für einen Tag lahm gelegt: “Tarija de pie!! Nunca de rodillas…” – “Tarija aufrecht!! Niemals auf Knien…!”; “Tarija unida, Bolivia prospera y fuerte.” – “Tarija vereint, Bolivien erfolgreich und stark.”; “Yo quiero a Bolivia, pero no tengo la culpa de amar a Tarija.” – “Ich mag Bolivien, aber ich kann nichts dafür, dass ich Tarija liebe.” Die Menschen gehen so weit, dass sie sich in einen Hungerstreik begeben und das nun schon seit über zwei Wochen…

Allein in Tarija haben 70.000 Menschen für die 2/3 Mehrheit protestiert.



Ganz so ruhig und besinnlich war die Adventszeit also nicht. Ich bin gespannt auf Weihnachten und Neujahr, das wird dieses Jahr sicher etwas Besonderes sein.

Euch allen wünsch ich friedliche, weiße Weihnachten mit vielen leckeren Plätzchen, heißem Glühwein, duftenden Weihnachtsmärkten und wünsch euch nur das Beste fürs neue Jahr! Wie Weihnachten und Neujahr hier gefeiert wird, erfahrt ihr in meinem nächsten Rundbrief…



DANKE für eure Unterstützung, DANKE für die wertvolle Erfahrung!!



Lieben Gruß ins – mittlerweile winterlich kalte? – Deutschland!

Eure Verena



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