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Rundbrief Nr. 3 (Anfang April 2007)

Die Naechte werden kuehler, es geht auf den Herbst zu. Seit meinem letzten Rundbrief ist wieder viel Zeit verstrichen, Zeit, in der sich in meiner Arbeit noch einmal etwas getan hat, Zeit, in der ich die bolivianische Kultur noch besser kennenlernen konnte – Wie sehen die Braeuche zu Weihnachten und Neujahr aus? Wie wird Karneval gefeiert? Welche Feiertage gibt es sonst noch?

Was hat sich in meiner Arbeit getan, welche neuen Aufgaben haben sich ergeben?

Der Comedor strahlt jetzt in einem neuen Gelb. Ein neuer Anstrich war dringend noetig, die vielen Kinderhaende haben an den Waenden ihre Spuren hinterlassen. Um die “wilde Horde” zu baendigen, wurden jetzt Verhaltensregeln und Sitzplaene eingefuehrt. Ich habe eigentlich gedacht, dass sich die Kinder straeuben wuerden, aber die Kinder haben beides angenommen, mit Interesse auf den Sitzplaenen nach ihren Namen gesucht. Wir haben erklaert, dass Verhaltensregeln, wie Sauberkeit, Ordnung und Puenktlichkeit, natuerlich auch ausserhalb des Comedors gelten. Das Thema “Puenktlichkeit” ist aber schwierig, ich habe das Gefuehl, wir reden da gegen eine Wand, taeglich kommen einige zu spaet. Sicher helfen einige Kinder bis spaet Mittags auf dem Mercado Campesino (“Bauernmarkt”) mit, aber hauptsaechlich liegt es wohl daran, dass man in Bolivien – gerade in Tarija – gerne mal die Zeit vergisst. Woher sollen es also die Kinder lernen?
Immer oefter kommen die Kinder auf uns zu, damit wir ihnen bei den Hausaufgaben helfen. Nach einiger Anlaufzeit wird die Hilfe richtig gut angenommen, Zeit ist entweder eine Stunde vor dem Mittagessen oder Nachmittags im Anschluss ab etwa 15 Uhr.
Da der Comedor waehrend der Ferien bis etwa Mitte Januar geschlossen war, sind in den ersten Wochen nach den Ferien nur wenige Kinder in den Comedor gekommen, weniger als die Haelfte. Fuer die Koechinnen war die zu kochende Menge schwer einzuschaetzen, manchmal blieb leider viel Essen uebrig. Mir wurde erklaert, dass einige Kinder waehrend der Ferien in andere Departementos Boliviens oder aufs Land verreisen – ich denke, die Mehrheit wird waehrend der schulfreien Zeit aber wohl viel arbeiten, ihren Eltern oder Verwandten auf dem Markt helfen.
Nach und nach lerne ich die Geschichte kennen, die hinter jedem Kind steckt. Einige muessen stark mit anpacken im Haushalt oder ihre juengeren Geschwister hueten, waehrend die Eltern den ganzen Tag ueber arbeiten. Dadurch wirken einige schon sehr reif fuer ihr Alter, schon frueh muessen sie Verantwortung uebernehmen. Leider haben es viele schwer in ihren Familien. Meist haben sie viele Geschwister, das Geld ist knapp. Von einigen weiss ich, dass der Vater alkoholabhaengig ist, seine Frau und die eigenen Kinder schlaegt. Einige haben ein Elternteil bereits verloren oder die Eltern leben getrennt. Die meisten Kinder sind daher sehr anhaenglich, aber verschlossen, wenn man sie auf Probleme zu Hause anspricht. Aber zumindest kann man ihnen Aufmerksamkeit und Zuneigung schenken.

Neben dem Comedor habe ich auch seit Anfang des Jahres in der Pastoral, meinem zweiten Arbeitsbereich, noch weitere Aufgaben uebernehmen koennen. Wenn es mir gerade in diesem Bereich am Anfang schwer gefallen ist mich einzufinden, so ist es jetzt der vielfaeltigere Bereich. Die Arbeit der Jugendgruppen der Pastoral erstreckt sich ueber das ganze Land, ueber den gesamten lateinamerikanischen Kontinent. In jedem Departemento Boliviens ist die Pastoral vertreten und um zu einem Austausch ueber die eigene Arbeit vor Ort, ueber aktuelle politische, oekonomische, soziale Themen zu kommen, finden regelmaessige Treffen statt. Die Vorgehensweise bei diesen Treffen verlaeuft immer nach dem Schema “ver – justificar – actuar” (wahrnehmen – beurteilen – handeln).
Auf einem nationalen Pastoraltreffen Anfang Januar haben wir zunaechst in Kleingruppen, dann in der grossen Runde die Realitaet der Jugendlichen in Bolivien “wahrgenommen”, dann einzelne Probleme besprochen, sie “beurteilt” und “gehandelt”. “Handeln” mehr in dem Sinne, das Problem ins Bewusstsein der Jugendlichen zu rufen, sich darueber auszutauschen… So koennte zum Beispiel die hohe Migrationsrate in Bolivien Thema eines naechsten Pastoraltreffens sein. Das war auch ein wichtiger Punkt des Treffens: Jede Delegation der einzelnen Departementos sollte sich ein Ziel setzen (z.B. Integration – Annaehrung zwischen der Jugendarbeit auf dem Land und in der Stadt) und eine entsprechende Aktivitaet planen (gegenseitige Besuche in den Pfarreien). Darauf sollte schliesslich der Jahresplan jedes Departementos aufbauen.
Ich nehme gerne an diesen Treffen teil, weil es fuer mich eine schoene Moeglichkeit ist, mehr ueber die Realitaet Boliviens zu erfahren, gleichzeitig kann ich meine eigene Realitaet, die Realitaet eines Jugendlichen in Deutschland mit einbringen. Vor allen Dingen aber ist es schoen, mit der Zeit bekannte Gesicher wiederzutreffen und neue kennenzulernen, denn mich persoenlich bereichert das sicher mehr als jede politische Diskussion. Diskussionen in der Pastoral, in Bolivien an sich, drehen sich gerne im Kreise, z.B. ewige Diskussionen der Regierung ueber absolute oder Zweidrittelmehrheit. Naja, es muss eben abgestimmt werden, wie man abstimmt, bevor man abstimmt – wenn man denn mal abstimmt…
Mitte Maerz war ich wieder auf einem Treffen der Patoral der “Zona del Valle” – der Zone der Taeler. Daneben gibt es andere Zonen der Pastoral, zu der jeweils mehrere Departamentos gehoeren, wie die Zone des Hoch- bzw. des Tieflandes. Zu der Taelerzone gehoeren die Departamentos Cochabamba, Chuquisaca (Hauptstadt Sucre) und Tarija. Motiv dieses Treffens war, die Jahresplaene der Departamentos abzustimmen, neue Verantwortliche zu waehlen, insgesamt die Zusammenarbeit zu staerken. Auch wenn wir aus Tarija – mit dem weitesten und schlechtesten Hinweg (8h Warten, weil wir den Fluss wegen der starken Regenfaelle nicht passieren konnten) – nur wenige Stunden in Sucre am Treffen teilnehmen konnten, so war es fuer uns ergiebig: der Jahresplan steht, aus dem Departamento Tarija wurde Franco zum Mitverantwortlichen der Zone gewaehlt.

In der Pastoral in Tarija uebernehme ich sonst vor allen Dingen die Computerarbeit: Mal sind Einladungen zu schreiben, mal muessen Berichte ueber die Arbeit der Pastoral abgetippt werden, mal sind Flyer, mal Plakate zu Aktivitaeten der Pastoral, eine Fotopraesentation fuer die Hermandad, die Partnerschaft mit Deutschland, zu gestalten. Vor kurzem ist die Pastoral umgezogen, also habe ich geholfen das Buero einzurichten, und ich moechte jetzt auch wieder Ordnung in die Bibliothek bringen, die mein Vorgaenger Max eingerichtet hat.

Fuer mich hat sich jetzt noch eine neue Aufgabe aufgetan: Seit kurzem leite ich eine Gruppe von Maedels, die gerade zur Erstkommunion gegangen sind. Wir treffen uns jetzt jeden Samstagnachmittag eine Stunde, richten die Kirche fuer die Messe her, schmuecken sie mit Blumen, singen, tauschen uns ueber ein Thema aus… Die Maedels sind hochmotiviert und haben viel Spass an der Sache. Wir stecken noch in den Kinderschuhen, haben uns jetzt einen Namen gesucht, eine Adressen- und Geburtstagsliste erstellt. Angefangen haben wir mit vier Maedels, mittlerweile sind es vierzehn. Bei unserem letzten Treffen haben wir ein Leintuch fuer die Hermandad mit Deutschland gestaltet mit der Botschaft: “La Paz construye puentes de la amistad” – “Friede schlaegt Bruecken der Freundschaft”.


Wie sehen die Feiertage in Bolivien aus?

Auch wenn es schon eine ganze Weile her ist, moechte ich einen Einblick geben, wie die Feiertage im Dezember bis Februar aussehen.

Das Weihnachtsfest unterscheidet sich wenig von unserem: Die Kulisse kommt vielleicht nicht an die der verschneiten Kastellauner Burgruine heran, dafuer sind bei der lebendigen Darstellung der Weihnachtsgeschichte die Kostueme der heiligen drei Koenige und die Sommerblumen umso bunter. Auch hier verbringt man die Abende in den Familien, ganz so wie es bei uns ueblich ist. Die Vorweihnachtszeit unterscheidet sich etwas von unserer: Zwar gibt es einen Adventskranz, aber keinen Adventskalender. Stattdessen kommen jeden Abend die Kinder, schon die ganz Kleinen auf der Cancha, dem Sportplatz, zusammen und “trensan”: Eine Art Tanz um einen hohen Pfahl mit bunten Baendern, bei dem die unterschiedlichsten Flechtmuster entstehen. Dazu gibt es manchmal heisse Schokolade und Gebaeck.
Sylvester und Neujahr weichen schon mehr ab. Bleigiessen kennt man hier nicht, dafuer gibt es andere Braeuche: Man isst z.B. zwoelf Trauben, fuer jeden Monat eine und wuenscht sich etwas dabei. Die suessen Trauben stehen fuer erfuellte Monate, die sauren fuer bittere Zeiten. Ausserdem zuendet man Kerzen an, ebenfalls zwoelf und hofft darauf, dass die eigenen Wuensche in Erfuellung gehen. Die Einen zaehlen Geld in der Hoffnung, dass es im naechsten Jahr keine Ebbe im Geldbeutel gibt, Andere packen am Sylvesterabend ihre Koffer, wenn sie im neuen Jahr auf Reisen gehen moechten, manche Frauen achten auf die Farbe ihrer Unterwaesche: Rot steht fuer Liebe und Freundschaft, Gelb fuer Geld, Weiss fuer Hochzeit und Harmonie in der Ehe.
Weihnachten habe ich in der Parroquia verbracht, wo es “Picana”, ein typisches Weihnachtsgericht aus Huehnchen-, Schweine- und Rinderfleisch mit einer mehr oder weniger scharfen Sosse, Kartoffeln und Mais, gab. Wie das Fest der Familie zu Hause genau ablaeuft, habe ich leider nicht mitbekommen. Sylvester konnte ich aber dafuer in der Grossfamilie von Freunden feiern - die Sylvesternacht und Neujahr, ein wirklich schoener Start in die zweite Haelfte meiner Zeit hier.
Ganz gross gefeiert wird hier auch vor allen Dingen Karneval: Die Fasnachtszuege aehnel unseren, das Schoene daran sind die vielen bunten traditionellen Kostueme. Die “Karnevalsmetropole” ist wohl Oruro, der Karneval in Tarija kann sich aber sehen lassen. Mir erschien er hier origineller und weniger kommerzialisiert als das, was im Fernsehn von Oruro uebertragen wurde. Jedes Jahr werden eine “Reina”, eine Koenigin, und eine Prinzessin gewaehlt und dabei geht es nicht nur um das Aussehen, die Ausstrahlung, sondern bei der Wahl muss sie vortanzen, sich traditionelle Kleidung anziehen - in erster Linie geht es also darum, ob die Señoritas Tarija kulturell repraesentieren koennen. Den ganzen Monat ueber wird auf den Strassen mit Wasserbomben und Schaum gespielt, es ist fast unmoeglich trocken nach Hause zu kommen. Am Karnevalsdienstag werden Haeuser und Autos mit Weirauch gesegnet, bevor dann die Fastenzeit beginnt.
Daneben gibt es Comadres und Compadres, den man vielleicht auch “Tag der Freundschaft” nennen koennte: Der Person, die einem besonders wichtig ist, ueberreicht man eine “Canasta” (Korb) gefuellt mit leckerem Gebaeck, Obst, Gemuese, Wein, Luftballons, und Luftschlangen, die man unter einem Konfettiregen ueberreicht… Die “Comadre” (Frau) oder der “Compadre” schenkt einem im naechsten Jahr eine Canasta zurueck, ein Zeichen dafuer, dass man den anderen respektiert und ihm vertraut.

Sicher feiern die Bolivianer gerne und lange, mit viel Musik und Tanz… Aber bei all der Freude darf man natuerlich nicht vergessen, welch ein schweres Leben hier viele fuehren. Darum wird es in meinem naechsten Rundbrief gehen.
Im Moment sind meine Eltern zu Besuch und ich moechte die Zeit, die wir gemeinsam haben, nutzen, um ihnen so viel wie moeglich vom Land zu zeigen. So hab ich auch jetzt noch einige schoene Flecken in der Umgebung von Tarija kennengelernt. Auf unsrer Reise durch Bolivien nach Ostern wird sicher noch viel Eindruckvolles hinzukommen – auch dazu mehr im naechsten Rundbrief…

Ich wuensch euch allen FROHE OSTERN, ein paar schoene Feiertage!!
Die leckeren Schokoeier werde ich vermissen, mit deutscher Schokolade kann die Schokolade hier nicht mithalten…

DANKE fuer alles, ich denke wirklich oft an euch!

Ganz lieben Gruss aus dem im Moment leider oft bewoelkten Bolivien!

Eure Verena



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