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Rundbrief Nr. 4 (Ende Juli 2007)

Wenige Wochen bleiben mir nun noch, hier im Herzen Lateinamerikas. Zeit fuer einen letzten und abschliessenden Rundbrief.
Durch den Besuch meiner Eltern im April konnte auch ich noch einige schoene Flecken Boliviens kennenlernen. Im Mai ging dann mein Alltag hier in Tarija wieder los, in meiner Arbeit ging es ein paar kleine Schritte weiter. Mitte Juni habe ich auf zwei Treffen der Partnerschaft zwischen Bolivien und Deutschland (“Hermandad”) teilgenommen. Seit einer Woche sind Ferien, auch im Comedor - fuer mich Raum, um den Besuch einer deutschen Gruppe hier in meinem Projekt vorzubereiten und zu begleiten, aber auch, um mich schon auf den Abschied einzustellen, vor allem, die freie Zeit zu geniessen, mit Freunden zu verbringen.

Die Zeit mit meinen Eltern

Unsere Rundreise durch Bolivien ging von Tarija aus ueber Potosí, Sucre nach La Paz, wieder zurueck nach Tarija.

In Tarija haben wir zusammen Ostern gefeiert, natuerlich auf eine ganz andere Art und Weise.
Der Glaube ist fest verankert in Bolivien, dem Land wuerde es ohne die Kirche wohl auch wesentlich schlechter gehen. Denn das, was vom Staat an Unterstuetzung nicht geleistet wird, kommt oft seitens der Kirche, der Pfarreien. Gerade durch die kirchlichen Institutionen erreicht finanzielle Hilfe aus dem Ausland, vor allem Spanien, Italien und Deutschland, das Entwicklungsland. Ich habe schon viele Projekte kennenlernen koennen, in denen das Geld sinnvoll eingesetzt wird, gerade durch meine Zeit auf dem Land. So gibt es Landfrauenzentren, Zentren fuer Jugendliche auf dem Land, die somit die Moeglichkeit erhalten, einen Schulabschluss zu machen und etwas Handwerkliches, ganz Praktisches zu erlernen. Aber auch in der Stadt finanzieren sich beispielsweise Kinder- und Altersheime ueber die Kirche. Auch die Parroquia, in der ich lebe, ist ein Sozialzentrum: So gibt es den Comedor, ein Arztzimmer, mit den wichtigsten Medikamenten, einen Zahnarzt, einen Psychologen. Die Behandlungen sind gratis, vor allem die Bevoelkerung aus dem Land und die Aermsten aus der Stadt profitieren davon.
Besonders beeindruckend war an Ostern der Kreuzweg, der von einer Gruppe von Jugendlichen dargestellt wurde. Ueber zwei Stunden Fussmarsch im Morgengrauen unter der echten Last des Kreuzes und unter Klageschreien bis auf den Gipfel eines Huegels, wo “Jesus” tatsaechlich mit Seilen ans Kreuz gebunden und das Kreuz aufgerichtet wurde. In der Osternacht Lichterprozessionen und zur Auferstehung bunter Blumenschmuck in der Kirche, in den Strassen. Insgesamt also sehr anschaulich und eindrucksvoll, wie ich es auch schon an Weihnachten erlebt habe. So wird hier der Glauben gelebt, auf eine sehr anschauliche Art, mit Heiligenfiguren, fuer meine Vorstellung aber schon fast kitschige Darstellung von Jesus oder Maria auf Bildern.
Herzlich wurden meine Eltern hier empfangen, ich denke sie konnten hier die Gastfreundschaft erfahren, die auch ich am Anfang kennenlernen durfte. Nach einer anstrengenden Busfahrt von Santa Cruz nach Tarija ueber eine Strecke, die der Todesstrecke in den Yungas aehnelt, wurden wir mit der traditionellen Tracht der “Chapacos” (Name fuer die Bewohner Tarijas), Blumenketten und einem Willkommensplakat empfangen. Die Kinder im Comedor konnten es natuerlich nicht erwarten, meine Eltern kennenzulernen und ihnen “Erzlitsch Bilkohmen iin Tarija” zu wuenschen. Ein paar von den Kleinen sind auch extra an diesem Tag als “Chapacitos” in den Comedor gekommen, andere haben Fahnen der deutsch-bolivianischen Freundschaft gemalt (schwarz-rot-gelb-gruen).
Unsre Ausfluege in Tarija gingen aufs Land, zu einem kleinen Wasserfall, historischen Staetten, und ins Hochland, das auch ich vorher nicht gekannt habe. Nur drei Stunden auf einem schmalen Weg, der sich die Anden hochschlaengelt – und das Leben dort scheint gleich ein ganz anderes zu sein. Unten die Weintaeler, oben kahle Landschaften, Lagunen, Flamingos, Llamas…

Von Tarija aus sind wir nach Potosí, der Minenstadt mit dem Silberberg gefahren. Leider hatte das Museum geschlossen, deswegen sind wir hauptsaechlich durch die engen Gassen geschlendert, die Atemluft immer etwas knapp. Die Geschichte Potosís ist traurig, von Ausbeutung gezeichnet, die Armut des einst reichsten Departamentos des Landes ueberall sichtbar. Es wird erzaehlt, dass man mit dem Silber, dass die Spanier aus dem Silberberg abbauen liessen eine Bruecke bis nach Spanien bauen koennte – manche meinen, dass man wohl noch eher mit den Knochen der Minenarbeiter, die unter den unmenschlichen Bedingungen in den Minen ihr Leben lassen mussten, eine Bruecke um die Welt konstruieren koennte. Auch heute noch arbeiten Menschen in den Minen, auch Kinder, aber nicht fuer einen Herren, vielmehr um die eigenen Familien ernaehren zu koennen. Die Lebenserwartung ist natuerlich gering. Es ist sehr bedrueckend, durch die kahlen Landschaften zu fahren und mir vorzustellen, unter welchen Bedingungen die Menschen dort arbeiten. Ohne das Kauen von Koka waere die Arbeit dort auch gar nicht moeglich - das Koka nimmt die Muedigkeit und hilft gegen Sauerstoffmangel. Dort unten gibt es keinen Gott, das ist das Reich des Teufels, sagt man, und so opfert man ihm bei jedem Hinabsteigen in die Minen Koka, Zigaretten, Alkohol…

Ueber Sucre, die weisse Hauptstadt, Studentenstadt und Stadt der Buecher, sind wir nach La Paz, den Regierungssitz, gefahren. Die Stadt selbst habe ich schon gekannt, einen Monat hab ich ja dort in einer Familie gewohnt. Das Chaos, was in der beeindruckenden Millionenstadt herrscht, hab ich auch schon in meinem ersten Rundbrief beschrieben.
Neue Landschaften hab ich durch die Fahrt ins “Valle de la Luna” (Mondlandschaft) und an den “Lago Titicaca” und die “Isla del Sol” (Sonneninsel) kennengelernt. Dort wo die Haeuser von La Paz und El Alto sich heute an die Anden schmiegen und wie in einem Kessel liegen, war frueher zusammen mit dem Teil, der heute als Lago Titicaca viele Touristen anlockt, ein einziger grosser See. Die Erde ist heute dort sehr trocken, und die Felsen im “Valle de la Luna” etwas ausserhalb der Stadt sind ausgewaschene staubige Erdhuegel.
Durch die Mondlandschaft hat uns ein junger Mann gefuehrt, der aus der Aymarakultur stammt. Er ging auf einem schmalen Pfad mit seiner Panfloete vorweg, links und rechts ging es oft Meter weit in die Tiefe. Interessant waere es sicherlich, zu erforschen, was sich zwischen und unter den Felsen befindet, so meinte er, aber mit hohem Risiko verbunden, “man solle die Naturkraefte nicht herausfordern”. Beeindruckend, wie naturverbunden das Aymaravolk lebt. “Gruene Oasen” sind die Apotheke, die fast gegen jede Krankheit ein Mittel hat. Nicht nur in der Tier-, auch in der Pflanzenwelt, gibt es zu jeder maennlichen Pflanze ein weibliches Gegenstueck. Unbewachsene Flaechen ruhen sich aus, um wieder Kraft fuer die volle Bluete zu schoepfen - so bleibt die Natur im Gleichgewicht. Die Vorstellung der Welt setzt sich eigentlich aus drei Welten zusammen: Die Oberwelt, die Welt in der wir leben und die Unterwelt. Unter anderem herrschen in den drei Welten der Condor, ein grosser weiss-schwarzer Vogel, Frosch und Schlange. Es kann nur dann zu einer Harmonie kommen, wenn alle drei Welten in Einklang miteinander leben, so erklaerte es uns der Aymarastammige.
Von der Mondlandschaft zur Sonneninsel: Ein Insel im Lago Titicaca, auf der es keine Fahrzeuge, nur Llamas und Esel, die als Transportmittel fuer die Ernte dienen, gibt. Trotz der vielen Touristen, die die Insel besuchen, strahlt der Ort Ruhe aus. Wir haben zwar nicht viel von der Insel sehen koennen, die Zeit war dafuer leider zu kurz, aber unter anderem konnten wir die Ruinen des Sonnentempels besichtigen. Auch zu der Insel gibt es wieder ein Gegenstueck : die Mondinsel, die allerdings schwerer zu erreichen und kaum besucht ist. Beide Inseln wurden frueher bewohnt, auch heute noch leben die Menschen dort und betreiben Landwirtschaft, vor allem Kartoffeln werden angebaut.

Nach unserem Aufenthalt in La Paz haetten wir eigentlich gerne noch die Jesuitenmissionen im Departamento Santa Cruz besucht, wo ja auch ein Freiwilligentreffen stattfand, aber zeitlich war es zu knapp. Seit der Zeit der Missionierungen haben sich in Bolivien Naturreligionen und Katholizismus gemischt, so glaubt man an einen Gott, aber dankt gleichzeitig Mutter Erde, “Pachamama“, fuer die Fruechte, die sie hervorbringt…

Was hat sich in meiner Arbeit getan? Was gibts in meinem Projekt Neues?

Nach dem Besuch meiner Eltern ist der Alltag in Tarija wieder eingekehrt. Neue Aufgaben haben sich fuer mich nicht mehr aufgetan, es wuerde auch wenig Sinn machen, noch etwas Neues anzufangen. Dafuer gabs aber ein paar Aktionen, bei denen ich mithelfen konnte.

In meinem Projekt wird es jetzt, nachdem wir Kleidung saortiert und Preise festgelegt haben, jedes Wochenende einen Secondhand-Bazar mit Kleidung aus Deutschland geben, denn Geld ist immer knapp und ohne die viele Hilfe auf Freiwilligenbasis der Menschen der Parroquia, die Essen verkaufen, Reis, Kartoffeln, Mais fuer den Comedor spenden und die Hilfe aus dem Ausland koennte sich das Sozialzentrum gar nicht finanzieren.

In meiner Maedelsgruppe haben wir vor kurzem einen Kinonachmittag organisiert, um Geld fuer die Gruppe zu sammeln, vor allem um Bastelmaterial anzuschaffen. Auf dem Fest “Santa Anita”, an dem ueberall auf den Strassen, Gebaeck, Puppenkleidung und andere Dinge im Kleinformat angeboten werden, haben wir ein typisches Gericht aus Tarija “Saice” (vom Namen nicht abschrecken lassen!) – eine scharfe Sosse aus Kartoffeln, Erbsen, Hackfleisch serviert mit Nudeln, Reis und Salat – gekocht und konnten einiges einnehmen, was unsrer Gruppe zu Gute kommt. Natuerlich sind das keine grossen Betraege, viel wichtiger ist denk ich auch einfach die gemeinsame Aktion, die dahintersteckt. Witzig war, zusammen mit den Maedels Popkorn in der Kueche der Parroquia fuer den Kinonachmittag zu machen, manches ist aus dem Topf gesprungen und am Anfang leider einiges angebrannt. Beim naechsten Mal laeufts bestimmt besser, wir sind da jetzt Experten drin. Ausserdem haben wir Lollies, ein selbst gemachtes Getraenk und Wackelpudding verkauft. Ein bisschen was blieb ueber, aber das haben sich die Maedels unter sich verteilt, haben gerne zugeschlagen, die Reste waren schnell weg. Das haben sie sich verdient!

In meinem Projekt gibts neben der Tranzgruppe fuer traditionelle lateinamerikanische Taenze auch eine Hallenfussballmannschaft, die mehrmals woechentlich trainiert. Das harte Training hat sich gelohnt, letzte Woche ist die Mannschaft ins Finale eingezogen und hat den Gegner 7:2 geschlagen, darf also jetzt gegen die Sieger der anderen Departamentos auf nationaler Ebene spielen. Die blau-weisse Flagge weht und die Daumen bleiben gedrueckt!

Was bedeutet “Hermandad”?

Dahinter verbirgt sich nicht nur der Gedanke, dass sich engagierte Jugendliche und Erwachsene aufmachen, um Saecke vollgepackt mit Kleidung auf Lastwagen zu laden, damit der Erloes Bolivien zu Gute kommt…

In den 60er Jahren dachte der deutsche Kardinal Maurer, der zu der Zeit in Sucre taetig war, erstmals an eine Patenschaft der deutschen Kirche zur bolivianischen. Die Hilfe sollte vor allem finanziel sein, aber durch den engeren Kontakt beider Laender sollte es auch zu einem Austausch beider Seiten kommen. Ihren Ursprung hatte die Patenschaft in der “Fundación Chuquisaca - Tréveris” (Sucre – Trier) und weitete sich bald auf ganz Bolivien aus. 1987 trat auch die Diozoese Hildesheim mit ein. Bald kam man von dem Gedanken einer (finanziellen) Patenschaft weg, hin zu einer Partnerschaft, “Hermandad” auf Augenhoehe.
Heute haben beide Diozoesen eine Partnerschaft mit der gesamten bolivianischen Kirche. Motiviation ist es vor allem, einen Glauben zu teilen und zu leben, die Realitaet des anderen wahrzunehmen, sich ueber soziale Themen auszutauschen… So werden Kampagnen gestartet, die ueber ein oder zwei Jahre laufen. Im vergangenen Jahr war dies “Comercio Justo – Fairer Handel”, dieses Jahr wird zum Thema “Cultura de Paz – Friedenskultur” gearbeitet.

Die beiden Hermandad-Treffen in Camiri im Departamento Santa Cruz und Cochabamba hatten also dieses Mal “Cultura de Paz” zum Thema. Mir wurde auf beiden Treffen klar, dass die ethnischen, kulturellen Gegensaetze eine Ursache fuer die Unruhen im Land sind. Viele Menschen im Tiefland, in den Halbmonddepartamentos (Tarija, Santa Cruz, Beni, Pando) sind der Meinung, dass die Politik Evo Morales, der ja indigener Herkunft ist und aus dem Hochland stammt, lediglich die Altiplanobevoelkerung bevorzugt und das Land zusaetzlich spaltet. Andere sehen die Regierungszeit Evo Morales als den Anfang einer Epoche an, in der die indigene Bevoelkerung endlich ihre Rechte einfordern kann, die ihr lange Zeit verweigert wurden, sei es durch die Enteignung von Land, Sklavenarbeit, oder fehlendes Mitbestimmungsrecht… “Sexto Sol”, eine neue, “Sechste Sonne“ geht fuer die indigene Bevoelkerung auf, eine neue Etappe beginnt, so die Vorstellung.

“Alles wirkliche Leben ist Begegnung” (Martin Buber)

Der Freiwilligendienst ist ein wichtiger Teil dieser Freundschaft zwischen Bolivien und Deutschland, er verleiht der “Hermandad” ein Gesicht. Die direkte Begegnung mit den Menschen hier in Bolivien, das Erleben einer ganz anderen Realitaet bereichtert, praegt ein ganzes Leben. Auf die Art und Weise erreichen auch nicht nur Agenturmeldungen aus La Paz Deutschland, denn das Hochland ist nur ein kleiner Teil des Landes – arm durch eine schwache Politik, ein mangelndes Sozialsystem, Korruption, die starken Gegensaetze im Land… reich an Bodenschaetzen, die abwechlungsreiche Natur und die vielfaetige Kultur, Traditionen, Erfindungsreichtum und Lebenskuenstler…
Absurd, dass ein Land, das das Reichste an Bodenschaetzen innerhalb Lateinamerikas ist, gleichzeitig das Aermste auf dem Kontinent sein kann.

Bolivien – Aktuell

Es ist nicht so, dass es Bolivien an etwas fehlen wuerde, Produkte (Import!) gibt es im Ueberfluss. Die Maerkte sind ein buntes Gemisch aus Obst, Gemuese, Fleisch, Kartoffeln, Reis, Nudeln, Brot, Suesswaren, Gebrauchsgegenstaenden, Dienstleistungen, Blumen, Farben, Geschmaecken und Geruechen – aber die Kaufkraft fehlt, es herrscht ein riesen Ueberangebot. Natuerlich gibt es Waschmaschinen, aber die wenigsten koennen sich eine leisten und so wird eben mit der Hand gewaschen.
Der Grossteil der Bevoelkerung lebt wohl durch die Arbeit auf den Maerkten, oft werden dafuer im Morgengrauen viele Kilometer zu Fuss aus dem Land in die Stadt zurueckgelegt. Der Lohn sind die wenigen Bolivianos, die durch den Verkauf eingenommen werden. Ist die Ernte schlecht oder verhindern Strassenblockaden die Lieferung der Ware, koennen also Autos vollbeladen mit Mehlsaecken die Bloqueos nicht passieren, bleibt das Brot aus. Es kann nichts verdient werden und man muss schauen, wie man ueber die Runden kommt.
Denn seitens des Staates kann man auf keine Sozialhilfe hoffen. Viele alte Menschen leben auf der Strasse, weil es kein Rentensystem wie bei uns gibt. Diejenigen, die vorher nicht angestellt waren, erhalten jaehrlich zu ihrem Geburtstag lediglich einen Betrag von 1800 Bolivianos, den sogenannten “Bono Solodario”. Mit 150 Bolivianos monatlich kann man aber unmoeglich auskommen.

Zu dem Import von Ware aus dem Ausland, gerade aus Argentinien, gibt es ein Gesetz, das “Ley Aduana”, das Bestimmungen ueber die landeseigene Produktion enthaelt, den Import vieler Waren verbietet. Beispielsweise ueber die Grenze in Bermejo, wo Argentinien und Bolivien ueber eine Bruecke miteinander verbunden sind, kommt aber viel Ware aus Argentinien nach Bolivien, andererseits profitieren Argentinier von den guenstigen Preisen in Bolivien. Leider werden Kontrollen direkt an der Grenze oft vernachlaessigt. Eine Frau, die auf dem “Mercado Campesino“ verkauft, hat mir erzaehlt, dass ihr im Nachhinein importierte Ware ohne Entschaedigung weggenommen wurde. Aber die landeseigenen Produkte decken bei weitem nicht den Bedarf, gerade auf den Import aus Argentinien ist man angewiesen.

Die Strassen in Tarija scheinen wie leergefegt zu sein, der Grund : “Paro“, Lahmlegen der Infrastruktur in der gesamten Stadt durch Bloqueos, Schliessen der Geschaefte und Abschneiden der Verbindungswege aus Tarija heraus und hinein.
Zu spueren bekommen haben wir die Strassenblockaden zum ersten Mal als wir mit der deutschen Hermandad-Gruppe, die im Moment zu Besuch hier ist, aufs Land fahren wollten: Unmoeglich, die Stadt zu verlassen, alle Ausfahrtswege blockiert. Ueberzeugungsarbeit war wenig ergiebig, schliesslich werden die Blockierer gut bezahlt (50-80 Bolivianos pro Tag), da ist es auch mal nebensaechlich WARUM, WOFUER oder WOGEGEN man blockiert - von “oben” so angeordnet…
Die Spannungen haben wohl mehrere Ursachen. Ganz durchschaut hab ich das Chaos zwar noch nicht, aber einige Gruende sind folgende:

“Programa Solidario”: Urspruenglich Versprechen an die Landbevoelkerung, einmalig jeder Familie 2000 Bolivianos zugute kommen zu lassen. Jetzt soll jede Comunidad ein Projekt vorstellen, fuer welches dieses Geld investiert wird, beipielsweise, Wasserleitungen zu verlegen oder Maschinen fuer die Landwirtschaft anzuschaffen. Von wem kommt das Geld? Sache des Landes? Der einzelnen Departamentos? Die Zustaendigkeiten sind nicht geklaert…
Die Angst, dass das Geld versackt, da bei vielen Verantwortlichen letztendlich keiner verantwortlich ist, kann ich nachvollziehen. Meiner Meinung nach wuerde aber auch eine einmalige Zahlung an die Familien wenig Sinn machen, denn was soll eine Familie auf dem Land mit 8 Kindern mit dem Batzen Geld anfangen? Logisch, dass damit doch gar nicht umgegangen werden kann. Ich finde es sinnvoll, das Geld in Projekte zu investieren, aber Verantwortlichkeiten muessen geklaert sein.

Hauptgrund fuer die Unruhen hier in Tarija ist wohl vor allen Dingen, dass die Regierung Tarija, Santa Cruz, Beni und Pando den Bau von Gasleitungen verweigert. Gerade diese Departamentos sind “Anti-Evo” eingestellt und befuerworten Dezentralisierung und Autonomie. Durch die eigene Gasversorgung waeren die Departamentos ja auch wesentlich unabhaengiger von der zentralen Regierung in La Paz. Ich habe die Gas-Problematik hier vor Ort direkt mitbekommen und zu spueren bekommen : Warteschlangen, wenn denn mal ein Laster mit Gastanks in die Stadt kommt, im Comedor mussten wir schon auf Holzfeuer kochen, weil einfach kein Gas da war…

Was nehme ich mit?

Vielleicht etwas frueh, um mir darueber klar zu werden, wie mich das Jahr gepraegt hat und welche Eindruecke und Erfahrungen ich fuer mich mitnehme…
Aber eine kleine Gedankensammlung ist fuer mich schonmal ein Anstoss, ueber meine Zeit hier zu reflektieren und euch daran teilhaben zu lassen.

Ich habe gelernt und vergesse hoffentlich nicht:
… mir Zeit zu nehmen
… mich mit Wenigem zufrieden zu geben
… das zu schaetzen was ich besitze
… wie wichtig es ist, seine Identitaet, seine Wurzeln zu kennen
… wie schoen und bunt Kultur sein kann
… unkomplizierter zu sein
… spontaner zu sein
… dass man mit Geduld oft mehr erreichen kann
… wie priviligiert wir sind, nicht unter Armut leiden zu muessen
… die Wolken von morgen nicht ueber die Sonne von heute zu schieben
… wie wichtig deutsche Puenktlichkeit ist
… wie schoen deutsche Ordnung und Sauberkeit ist
… was fuer ein Glueck wir haben, medizinisch und sozial gut versorgt zu sein
… dass ich Korruption und das Hin- und Hergeschiebe von Verantwortlichkeiten
hasse!
… castellano zu sprechen
… wie lecker die bolivianische Kueche sein kann
… wie abwechslungsreich deutsche Kueche ist
… dass die deutsche Schokolade einfach die Beste ist
… erfinderisch zu sein
… wie ungerecht die Welt ist, nicht nur zwischen, auch innerhalb der Laender
… dass echte Freundschaft auch grosse Entfernungen uebersteht
… wieviel man durch direkte und wahre Begegnung lernen kann


Euch allen ein herzliches Dankeschoen, dass ihr mir diese vielen wunderbaren Erfahrungen ermoeglicht habt! Ich hoffe sehr, dass ich einiges davon durch Fotos, Berichte bald – wieder im Lande - mit euch teilen kann. Einen lieben Gruss aus “Tarija la Linda”
Eure Verena



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